Arbeitsplatz der Zukunft

Ein Interview mit Bettina Atzgerstorfer, Workplace Consultant bei Vitra

Bettina Atzgerstorfer arbeitet bei Vitra als Workplace Consultant und berät und begleitet Unternehmen in neue Arbeitswelten. Im Gespräch erzählte uns die Arbeits- und Organisationspsychologin wieso sich Firmen mit der Büroumgebung auseinandersetzen sollten, welche Wirkung die Umgebung auf die Kultur und die Motivation der Mitarbeitenden hat und welche Erwartungen künftig an Führungskräfte gestellt werden.

Weshalb sollten sich Unternehmen mit den neuen Arbeitsmodellen auseinandersetzen?

Damit sie wettbewerbsfähig bleiben, neue Talente gewinnen oder Mitarbeiter halten können. Allerdings hängt dies nicht einzig von den Arbeitsmodellen ab. Unternehmen sollten generell ein Grundverständnis für den Arbeitsplatz der Zukunft haben – oder zumindest sensibel dafür sein. «Arbeit 4.0» – oder die Transformation in neue Arbeitswelten – ist komplex: Unsere Arbeit verändert sich rasant. Und niemand weiss, wie wir in fünf oder zehn Jahren arbeiten.

Welche Unternehmen sollten sich mit der Veränderung der Arbeitswelten beschäftigen?

Sich mit dem Arbeitsplatz der Zukunft zu befassen, ist für Unternehmen vor allem dann notwendig, wenn ihr Marktumfeld nicht stabil ist. Für klassische, sehr erfolgreiche und führende Unternehmen ist das Thema tendenziell tiefer priorisiert. Unternehmen, die in einem Verdrängungsmarkt tätig sind und auch künftig gute Mitarbeiter für sich gewinnen und langfristig halten wollen, haben mehr Druck und sollten sich auf jeden Fall damit beschäftigen.

Welche Aspekte und Entwicklungen werden in Zukunft unsere Arbeit beeinflussen?

Die Antwort auf diese Frage ist sehr vielschichtig. Die Digitalisierung und die damit verbundene Beschleunigung sind natürlich zentrale Aspekte. Diese Entwicklung hat uns in den vergangenen Jahren stark beeinflusst und wird dies weiterhin tun. Die Digitalisierung bringt wie immer Vor- und Nachteile mit sich – mir fallen Stichwörter ein wie Mobilität, Zugänglichkeit von Informationen und Daten, Erreichbarkeit und Reaktionszeiten.

Digitale Nomaden
Generationen wie Y & Z sind mit dem Internet und der mobilen Technologie aufgewachsen. Wer diese gut ausgebildeten Arbeitskräfte für sich gewinnen will, muss sich auf deren Ansprüche und Erwartungshaltung gegenüber der Arbeit und dem Leben einstellen. 

Weitere wichtige Aspekte, die einen Einfluss auf die Zukunft unserer Arbeit haben werden, sind die Globalisierung, virtuelle Teams, der demografische Wandel, die erhoffte Diversität, Interdisziplinarität, unterschiedliche Wertvorstellungen von Generationen, Work-Life-Balance, Sinnhaftigkeit, Zugehörigkeit, Kreativität und Innovation. Vor allem aber wird von den Mitarbeitenden ein hohes Mass an Flexibilität und Beweglichkeit erwartet.

Was bedeutet dies für die Bürolandschaft und die Arbeitsweise?

Beides muss flexibler werden. Wenn sich Arbeit neu organisiert, agiler wird, indem sie sich immer wieder adaptiert, braucht das flexible Raumlösungen mit wenig Wänden und ausreichend Raum, um schnell auf diese Veränderungen reagieren zu können und die Bürolandschaft neu darauf auszurichten.

Unsere Arbeitsweise verändert sich laufend. Das setzt flexible Räume voraus die sich rasch an die neue Organisation anpassen lassen.

Gleichzeitig müssen die Mitarbeitenden bereit sein, den fix zugeordneten Arbeitsplatz aufzugeben, um – wenn es sinnvoll ist – tätigkeitsbezogen zu arbeiten. Dadurch wird Arbeit sichtbar und findet nicht mehr im stillen Kämmerlein statt. Die Visibilität der Arbeit ist die Essenz, um eine gemeinsame Kultur anzustreben. Durch Offenheit und Transparenz kann ein Wir-Gefühl entstehen. Wenn der informelle Austausch gefördert wird, kann er zum wichtigsten Nährboden für Kreativität und Innovation werden. Alle diese Aspekte bringen neue Anforderungen an eine zukunftsorientierte Arbeitskultur mit sich – und damit auch an die Gestaltung sozialer Beziehungen im Unternehmen. Flexible Arbeitsmodelle, Multiprojektarbeit, virtuelle Teams und vieles mehr fordern Unternehmen heraus, soziale Beziehungen neu zu gestalten.

Welche Auswirkungen hat dies auf die Führungskultur und die Zusammenarbeit?

Das hängt stark davon ab, welche Kultur im Unternehmen gelebt wird. Herrscht Vertrauen und die Mitarbeitenden sind befähigt und werden gefördert? Gibt es eine Fehler- und Feedbackkultur? Welche Rolle spielen Status und Hierarchie? Übernehmen die Vorgesetzen eine Vorbildfunktion?

Man darf die Rolle der Führungskraft nicht unterschätzen. Sie können – wie bereits erwähnt – Beziehungen im Team bzw. in der Abteilung neu gestalten. Wichtig ist, eine Balance zu finden zwischen einerseits Flexibilität und Beweglichkeit sowie andererseits Sicherheit und Stabilität.

Führungskräfte werden Coaches
Führungskräfte werden stärker die Rolle eines Coaches einnehmen, um besser auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden einzugehen.

Werden Führungskräfte neue Aufgaben übernehmen müssen?

Sogar ganz sicher. Die Anforderungen an Führungskräfte müssen und werden sich verändern.
Sie werden stärker die Rolle eines Coaches einnehmen, um besser auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden eingehen zu können. Die Arbeit wird immer stärker geprägt sein von Co-Creation sowie Projekt- oder Multiprojektarbeit.

Worin sehen Sie die grössten Chancen beim Wechsel in eine neue Bürostruktur?

Die grosse Chance besteht darin, dass ein Unternehmen eine gemeinsame Kultur entwickeln oder stärken kann. Räume dienen dabei als perfektes Vehikel, um die Identität und Kultur sichtbar zu machen. Zudem bin ich davon überzeugt, dass die Gestaltung von Räumen einen grossen Einfluss auf die Motivation, Performance und Gesundheit der Mitarbeitenden hat. Damit geht einher, dass Arbeitsprozesse und Arbeitsweisen sowie die Kommunikation beleuchtet und optimiert werden sollten.

Das Büro von On Running in Zürich zeigt eindrücklich wie die Identität und die Kultur einer Unternehmung über das Arbeitsumfeld sichtbar wird.

Und welche Risiken gibt es?

Die grosse Herausforderung liegt darin, die Erfahrungen, die das Unternehmen in der Vergangenheit gemacht hat, in eine Vision weiterzuentwickeln. Viele Unternehmen nehmen sich genau für diese Zielsetzung zu wenig Zeit – oder gar keine! Ein Umbau- oder Neubauprojekt «verkommt» dann zu einem Umzugsprojekt.

Wie kann man das verhindern?

In einem ersten Schritt braucht es eine möglichst objektive Standortbestimmung, um diese dann mit der Vision abzugleichen. Somit schafft man optimale Voraussetzungen für Massnahmen, Entwicklungsfelder und Erwartungen. Diese Basis dient vor allem auch der Transparenz. Planungssicherheit kann den Prozess deutlich beschleunigen und macht die Budgetierung einfacher.

Workplace Change Management
Damit ein neues Arbeitsumfeld nicht zu einem Umzugsprojekt verkommt, braucht es nebst einer fundierten Planung die Auseinandersetzung mit Themen, die weit über die Büroplanung hinaus gehen. Ein professionelles Workplace Change Management sorgt dafür, dass die Unternehmung Schritt für Schritt in die neue Umgebung geführt wird.

Wie setzt sich Vitra mit diesem Thema auseinander?

Wir haben einerseits ein kleines Research- und Trendscouting-Team. Andererseits haben wir ein grosses Netzwerk von Architekten und Designern, Hochschulen und andere Institutionen, mit denen wir uns kontinuierlich austauschen. Aber die wichtigste Quelle sind natürlich unsere Kunden. Ihre Herausforderungen und allfälligen Lösungen inspirieren auch uns. Wir lernen stetig dazu …

Wie sehen Sie ganz persönlich den Arbeitsplatz der Zukunft?

Flexibel und vielseitig. Es gibt keine «one fits all solution». Die Herkunft der Unternehmung, die Menschen und die damit verbundene Unternehmenskultur, individuelle wie kollektive Bedürfnisse und räumliche Gegebenheiten müssen in die Betrachtung einbezogen werden: Daraus entsteht dann eine Collage an Räumen und Arbeitsoptionen, Möbeln, Farben und Materialien.

Bettina Atzgerstorfer von Vitra

Über Bettina Atzgerstorfer

Seit 2008 bei Vitra tätig, startete Bettina Atzgerstorfer als Key Account und entwickelte sich später in Richtung Workplace Consultant weiter, 2012-2014 absolvierte sie einen MAS in Arbeits- und Organisationspsychologie. Sie berät und begleitet Unternehmen bei Umbau- oder Neubauprojekten, bei Zielformulierung und Vision und unterstützt sie bei Nutzerworkshops und Einzugsevents.

Über Vitra

Vitra setzt die Kraft guten Designs ein, um die Qualität von Wohnräumen, Büros und öffentlichen Einrichtungen nachhaltig zu verbessern.
Der Leitgedanke von Vitra ist es, mit bedeutenden Designern innovative Produkte und Konzepte zu entwerfen. In der Schweiz entwickelt, finden diese Produkte weltweite Verbreitung. Architekten, Unternehmen und private Nutzer setzen sie ein, um inspirierende Arbeits- und Wohnräume sowie öffentliche Bereiche zu schaffen.

Vitra Campus

Die Möbelklassiker von Vitra gehören zum bahnbrechenden Design des 20. Jahrhunderts. Auch heute strebt das Unternehmen danach, sein technisches und konzeptionelles Know-how mit der Kreativität zeitgenössischer Gestalter zu verknüpfen, um so die Grenzen des Designs auszuloten und sie ständig zu erweitern.

Vitra – ein Familienunternehmen seit 80 Jahren – pflegt dauerhafte Beziehungen zu Kunden, Mitarbeitern und Designern und steht für langlebige Produkte, ein nachhaltiges Wachstum und die Kraft guten Designs.

Vitra Campus

Der Vitra Campus, an dem international führende Architekten mitgewirkt haben, das Vitra Design Museum mit seinen Ausstellungen über Design und Architektur, die Design-Archive und die umfassende Möbelsammlung des Unternehmens sind Teil von Vitra. Sie inspirieren Besucher, regen den Designprozess an und schaffen ein Klima, in dem Innovation blühen kann.

www.vitra.ch